Jahr: 2018
Zum ersten Passionssonntag
von P. Marc Brüllingen
Mit der Passionszeit treten wir in einen neuen Abschnitt der Fastenzeit ein. Äußerlich wird dies durch das Verhüllen der Kreuze sowie der Heiligenfiguren und der Heiligenbilder sichtbar. Das „Gloria Patri“, der Lobpreis an die allerheiligste Dreifaltigkeit entfällt im Introitus und ebenso am Ende des Lavabo-Psalmes. Auch das Stufengebet am Anfang der hl. Messe ist verkürzt.
Auch an den Meßtexten läßt sich erkennen, daß der leidende Heiland immer mehr in den Vordergrund rückt, besonders im Evangelium, wo der Gegensatz zwischen Christus und dem auserwählten Volk Israel immer deutlicher hervortritt.
Im Evangelium des ersten Passionssonntags hören wir, daß Jesus den Kindern Abrahams die Freiheit bringt. Das Gespräch bewegt sich um folgende Gedanken: Die Juden betrachten sich als Söhne Abrahams aus Sarah und darum als Freie. Jesus zeigt ihnen, daß sie Sklaven sind und nicht Kinder Abrahams, sondern Söhne des Teufels. Er selbst dagegen ist mehr als ein Sohn Abrahams, er ist Sohn Gottes. Darum hat Abraham in die Zukunft blickend sich gefreut, seinen Tag zu schauen. Damit ist der Gegensatz scharf herausgearbeitet. Die Teufelsbrut, die an die Sünde versklavt ist, einerseits, und der Sohn Gottes, der die freimachende Wahrheit bringt, anderseits. Das Gespräch ist nicht logisch gebaut, sondern es ist das lebendige Hin und Her einer heftigen, zum Schluß geradezu leidenschaftlichen Diskussion. Immerhin ist insofern eine Entwicklung festzustellen, daß zuerst mehr vom Motiv der Freiheit im Gegensatz zur Sklaverei, dann vom Motiv der Kindschaft Abrahams im Gegensatz zur Teufelsbrut die Rede ist.
Jesus beginnt mit der Mitteilung „Die Wahrheit wird euch freimachen“. Die Juden betonen, daß sie nie Sklaven gewesen seien, sondern als Kinder Abrahams freie Menschen seien. Aber Jesu redet nicht von der sozialen und politischen Freiheit, sondern von der inneren, seelischen Freiheit. Sie sind Sklaven der Sünde. Freiwerden können sie nur, wenn der Sohn, der über das Haus verfügt, ihnen die Freiheit schenkt. „Wenn der Sohn euch freimacht, werdet ihr wirklich frei sein.“ Der Mensch kann äußerlich die Freiheit lieben und doch innerlich versklavt sein. Er kann umgekehrt äußerlich in Knechtschaft leben und doch innerlich frei sein. Vor Gott zählt nur die innere Freiheit des Herzens. Diese zu bringen, ist Christus gekommen. Und gerade sie fehlt den jüdischen Führern.
Und nun dreht sich das Gespräch um die Kindschaft Abrahams. Die Juden berufen sich darauf, daß sie Söhne Abrahams seien. Christus erwidert ihnen, daß sie dann auch die Werke Abrahams tun, d. h. einen Abrahamsglauben besitzen müßten. Sie tun aber das Gegenteil. Nicht bloß sind sie ungläubig, sondern sie trachten Jesus geradezu nach dem Leben. Damit beweisen sie, daß sie Kinder desjenigen sind, der ein „Mörder von Anbeginn“ ist, Kinder des Teufels. Nicht Abraham ist ihr Vater, sondern der Teufel. „Ihr stammt vom Teufel als eurem Vater und wollt nach den Gelüsten eures Vaters handeln. Er war ein Mörder von Anbeginn.“ Darum können sie auch nicht zum Glauben kommen, denn „er ist ein Lügner und der Vater der Lüge. Weil ich aber die Wahrheit rede, glaubt ihr mir nicht.“ Die Juden antworten, indem sie nun umgekehrt ihn als einen vom Teufel Besessenen betrachten und behandeln. Damit ist das Nein ihres Glaubens zu einem direkten Angriff, ja zu einer Lästerung geworden. Die Brut des Teufels lästert den Sohn Gottes. Anstatt ihn zu ehren, schmähen sie ihn.
Aber nun führt Jesus den Gedanken weiter. Während sie Kinder des Mörders von Anbeginn sind, ist er der Bringer ewigen Lebens. „Wenn jemand mein Wort befolgt, wird er in Ewigkeit den Tod nicht schauen.“ Ihre Schmähung kann ihm nichts anhaben, denn er wird vom Vater im Himmel geehrt. Weil er Sohn Gottes ist, ist er mehr als Abraham. „Abraham frohlockte, daß er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich.“ Das Gespräch schließt mit dem ungeheuren Satz Christi: „Ehe Abraham ward, bin ich.“ Er ist also überzeitlich, denn er war schon vor Abraham, ja nicht nur, er war, sondern er ist, und zwar ständig; er ist schlechthin der Seiende. Die Juden verstehen durchaus, was er damit sagen will, daß er sich nämlich über die bloß menschliche Daseinsweise erhebt und sich ein göttliches Sein zuspricht. Darum heben sie Steine auf, um ihn zu steinigen. Damit ist das Gespräch zu Ende. Von der Auseinandersetzung um Wahrheit und Freiheit erhob es sich zur Frage nach der Kindschaft Abrahams, spitzte sich zu zur Kindschaft Gottes einerseits und zur Nachkommenschaft des Teufels anderseits und damit auf der einen Seite zum ewigen Leben, auf der andern zur Mordgier.
Die Führer der Juden sind Sklaven der Sünde, haben darum weder die Wahrheit noch die Freiheit. Sie sind nicht Kinder Abrahams, sondern Söhne des Teufels. Darum haben sie keinen Glauben, sondern folgen der Lüge, dem Haß und dem Willen zum Mord. Jesus dagegen ist Sohn Gottes, besitzt darum die Wahrheit und die Freiheit, ist höher als Abraham, gibt ewiges Leben, weil er selbst der ewig seiende und lebendige Sohn Gottes ist. So ist eine immer weiter schreitende Selbstoffenbarung Anlaß zu einer immer weiter greifenden Ablehnung, bis zum Versuch einer unmittelbaren und sofortigen Steinigung. Der Abschnitt schließt mit dem Satz: „Jesus verbarg sich und ging aus dem Tempel hinaus.“
So endet das Fest mit schrillem Mißklang. Das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erfaßt. Das Wasser sprudelt als lebendiger Quell aus dem Herzen des Herrn, aber die Menschen wollen nicht daraus schöpfen. Er will ihnen Leben bringen, aber sie wollen seinen Tod. Sie hätten ihn als die Erfüllung des Laubhüttenfestes mit Jubel begrüßen müssen, aber sie werfen Steine nach ihm. Er muß sich verbergen und den Tempel verlassen. Und doch ist die Selbstoffenbarung des Herrn nicht zu Ende.
(nach: Richard Gutzwiller, Meditationen über Johannes, Benziger Verlag Einsiedeln, 1958)
Aus den Tiefen …
von P. Andreas Fuisting
Nun stehen wir bereits in der Vorfastenzeit, mit der die Vorbereitung auf das höchste Fest des Kirchenjahres begonnen hat: Ostern, die Feier unserer Erlösung. Drei Sonntage gehen der 40tägigen Fastenzeit voraus, die Sonntage Septuagesima, Sexagesima und Quinquagesima, was bedeutet der siebzigste, sechzigste und fünfzigste Tag vor Ostern. (Die Zahlen sind abgerundet, weil der folgende Sonntag Quadragesima genannt wird).
Die drei Vorfastensonntage sind eine Einladung Gottes: „Geht in meinen Weinberg“, „lauft in der Rennbahn“, damit ihr den Siegespreis erlangt. Wir erhalten die Aufgabe das Samenkorn des Wortes Gottes in den Ackergrund der Seele zu legen, damit es aufgeht und Frucht bringt. Was wir an Mühen und Opfern aufbringen in Vorfasten- und Fastenzeit ist auf Ostern gerichtet, wo wir, erleuchtet durch die Taufgnade, mit Christus zu neuem Leben auferstehen sollen.
Zuvor aber gehen wir nun wie durch eine Vorhalle auf die Fastenzeit zu. Das erste, was die Kirche uns dabei zum Bewußtsein bringen will, ist, daß wir Sünder, Gefallene sind, die hilfsbedürftig, arm und ohnmächtig, nicht aus eigener Kraft aus der Not der Seele herauskommen können. „Aus den Tiefen rufe ich, o Herr, zu dir, Herr erhör mein Rufen.“ Als gläubige Christen muß uns in dieser Zeit die starke Hoffnung beseelen, daß wir, nachdem wir uns in Reue und Buße dem lebendigen Gott wieder zugewandt haben unseren Lohn erhalten werden, weil Gott in seiner unendlichen Liebe dem Reumütigen sein Erbarmen schenkt.
Seit Septuagesima schweigt im Gebet der Kirche das Alleluja. Erst in der Osternacht erklingt es wieder. Ein mittelalterlicher Liturgiker sagt dazu: „Wir stellen das Alleluja ein, das die Engel singen, weil wir, durch die Sünde Adams von der Gesellschaft der Engel ausgeschlossen, im Babylon des Erdenlebens dasitzen an den Bächen und weinen beim Gedanken Sions; und wie die Söhne Israels im fremden Land die Harfen an die Weiden hängten, so müssen wir den Allelujagesang zur Zeit der Trauer in Buße und Bitterkeit des Herzens vergessen.“



















































