Die Heiligen – Freunde Gottes und Helfer der Menschen

von Pater Marc Brüllingen


Der Monat November ist vielen von uns als Allerseelenmonat bekannt. Doch beginnt der Monat November mit dem Fest Allerheiligen, an dem die Kirche alle Heiligen im  Himmel verehrt. Aber, wann ist ein Mensch ein Heiliger? Wann wird jemand als Heiliger verehrt?

Zunächst einmal muß festgestellt werden: Gott ist der Allheilige. Es ist das Wesen des höchsten Gutes und der höchsten Güte, sich selbst gemäß, d.h. heilig zu sein. Gott ist auch der Urheilige, der vernunftbegabte Geschöpfe über die Möglichkeiten ihrer geschöpflichen Ordnung hinaushebt in eine übernatürliche und sie sich selbst gemäß macht und angleicht, sie heilig macht.

Jedes vernünftige Geschöpf strebt zwar kraft seines Wesens nach Gott, seinem Ursprung, um in ihm Ruhe und Heimat zu finden. Aber welches Geschöpf dürfte wohl wagen, wie Gott sein zu wollen und sich eindrängen in das persönliche Leben Gottes? Das Geschöpf kann sich seinen Platz nicht wählen in der göttlichen Sphäre seines Schöpfers. Aber der Schöpfer kann – aus  Gnade – das Geschöpf teilhaben lassen an seinem eigenen Leben. Und da Leben bei dem höchsten Geiste Erkennen und Lieben ist, muß der geschaffene Geist, der an seinem Leben teilhaben will, in seinem Erkennen dem göttlichen Geiste angeglichen werden. Der übernatürliche Glaube, der in Schauen übergeht, und der Mensch muß dem göttlichen Lieben gleichförmig werden durch jene Liebe, welche der Geist der Liebe, der ausgegossen ist in unsere Herzen, bewirkt.

Der Mensch wird so gottförmig. Er wird vergöttlicht, ohne aufzuhören, ein Mensch zu sein. Es gibt Menschen, über deren Leben und Sterben die katholische Kirche die Sicherheit hat, daß Gott schon auf Erden in ihnen alles geworden ist. Solche Mitglieder anerkennt die Kirche öffentlich als Heilige und ehrt sie durch diesen Titel. Von ihnen behauptet die Kirche, daß sie in der Anschauung Gottes selig sind und daß sie als Freunde Gottes unsere Fürbitter sind. Darum empfiehlt sie, die Heiligen zu verehren, wohl wissend, daß die Verehrung der Heiligen im Grunde den ehrt, der die Quelle ihrer Heiligkeit ist, den Allheiligen, von dem sie selbst nur ein Abglanz sind.

Die Heiligen sind nicht selbstleuchtend wie die Sonne, sie glänzen vom Lichte Gottes, von dem alle Heiligkeit ausgeht und auf den alle Heiligenverehrung zurückzielt. Die Kirche läßt eine öffentliche Verehrung, also eine Verehrung im kirchlichen Gottesdienst, nur zu nach vorhergegangener kirchlicher Prüfung. Eine solche Prüfung fand bereits in der altchristlichen Zeit bei den Märtyrern statt. Man nannte die Anerkennung des Martyriums durch den Bischof oder durch Synoden vindicatio; die Märtyrer, deren Verehrung gestattet war, hießen Martyres  vindicati. Das waren solche, die durch ihren Tod öffentlich Zeugnis für Christus abgelegt hatten. Die Namen der anerkannten Märtyrer wurden beim Gottesdienst verlesen.

Die Namen der Märtyrer eines Ortes, deren Andenken gefeiert werden sollte, waren auf Täfelchen, den sogenannten Diptychen, aufgezeichnet. Zu diesen setzte man auch die Namen anderer berühmter Märtyrer, die man wegen des Glanzes ihres Martyriums oder des Rufes ihrer Heiligkeit und ihrer Wunder verehren wollte. Auf diesen Brauch weisen heute noch Gebete des römischen Meßkanons hin. Die Berichte über den Tod der Märtyrer gingen um und wurden beim Gottesdienst häufig vorgelesen. Dadurch wurde ihre Verehrung stark ausgebreitet.

Die Kirche hatte nach der Märtyrerzeit zunächst gezögert, auch Nichtmärtyrer öffentlich als Heilige zu verehren.Aber die Verehrung, welche der hl. Antonius der Einsiedler und andere große Gestalten des Mönchtums im Morgenland, die der hl. Martin von Tours und andere nach ihm im Abendland fanden, konnte nicht nur auf die private Frömmigkeit beschränkt bleiben. Bald war  es allgemeine Überzeugung, daß es, wie Isidor von Sevilla (+ 636 schreibt, zwei Arten von Märtyrern gibt: „Die einen legen vor aller Augen Zeugnis ab durch ihr Todesleiden, die andern bezeugen Gott durch die verborgene Tugend ihrer Seele. Manche haben den Anschlägen des Teufels widerstanden, haben sich nicht überwinden lassen durch das Gelüsten des Fleisches und haben sich so dem allmächtigen Gott geopfert, daß sie Zeugen Gottes wurden, als die Kirche Frieden hatte, wie sie Blutzeugen geworden wären, wenn sie Verfolgung zu leiden gehabt hätten.“ Das Wort confessor, Bekenner, wurde in jener Zeit der Ehrentitel jener Nichtmärtyrer, deren Heiligkeit die Kirche anerkennen wollte. Die feierliche Zuerkennung der öffentlichen  Verehrung gab dem Bekenner, der Jungfrau oder der Witwe, das sind die beiden anderen Stände, die man bei den Heiligen unterschied, was bei jedem anerkannten Märtyrer Sitte war, daß nämlich über seinem Grabe das eucharistische Opfer gefeiert werden durfte. Sie fand ihren Ausdruck darin, daß die Gebeine des neuen Heiligen gehoben und unter einem Altare beigesetzt  wurden.

Die Seligsprechung, welche die Vorstufe zur Heiligssprechung ist, wird dann vorgenommen, wenn durch die Kirche festgestellt worden ist, dass der Diener Gottes von heroischer Tugendgröße gewesen ist und daß Gott auf seine Fürbitte Wunder gewirkt hat. Können nach der Seligsprechung zwei weitere Wunder bewiesen werden oder drei, falls der Diener Gottes rechtmäßig eine öffentliche Verehrung seit unvordenklicher Zeit genoß, dann erfolgt die Heiligsprechung. Bei den Martyrern genügt zur Seligsprechung der Nachweis des Martyriums als Beweis heroischer Tugendgröße. Die Seligsprechung hat nur vorläufigen Charakter. Sie zielt hin auf die Heiligsprechung (= Kanonisation), die sie vorbereitet. Die Seligsprechung gibt die Erlaubnis zu einer nach Ort und Umfang beschränkten öffentlichen Verehrung.

Dagegen fällt bei der Heiligsprechung der Heilige Vater als oberster Lehrer der Christenheit sein letztes, allgemein geltendes und allgemein bindendes Urteil: “Dieser Selige ist ein Heiliger, ich nehme ihn auf in die Zahl der Heiligen, und er hat Anspruch auf Verehrung in der ganzen Kirche.“


Bild: Ikone Allerheiligen | Foto: Heike Hannah Lux

Pfingsten

von P. Marc Brüllingen


Pfingsten ist das Fest des Hl. Geistes. Christus selbst kündigt mehrere Male den Hl. Geist als Tröster, als Geist der Wahrheit an, der uns an die Wahrheit erinnern soll, an das Heilsereignis der Auferstehung und der Himmelfahrt Jesu Christi und somit an unsere eigene Erlösung.

Das Kommen des Hl. Geistes an Pfingsten bedeutet für unser Leben, daß der Hl. Geist nicht in einem Tempel aus Stein, sondern in lebendigen, liebenden Herzen wohnt. Diese innere Gegenwart Gottes wird uns gegeben als Lebenskeim und Lebenskraft, mächtiger und göttlicher als seine Gegenwart im Tempel von Jerusalem.

Der Hl. Geist ist aber auch Kraft und Beistand für die Gläubigen, um den täglichen Kampf gegen das Böse zu bestehen. Die Aufgabe des Hl. Geistes wird im Johannesevangelium als eine dreifache geschildert. Es vollzieht sich gewissermaßen ein Prozeß vor Gericht. Der Hl. Geist führt diesen Prozeß zu einem sieghaften Ende.

Der Hl. Geist überführt die Welt, daß es eine Sünde gibt.

Das zeigt sich vor allem darin, daß die Verurteilung und Kreuzigung Jesu als Sünde sichtbar gemacht wird durch die Auferstehung und das Weiterleben des Herrn. Denn immer wieder wird es sich zeigen, daß der Unglaube zu Unmoral führt und die Unmoral letztlich das menschliche Leben zerstört oder unmöglich macht.

Das Einzelleben bis zum Selbstmord oder auf alle Fälle zur innerlichen Unzufriedenheit. Das Familienleben zum Zerfall und zur Unfruchtbarkeit, das Völkerleben zu Katastrophen, Revolutionen und Kriegen.

Das Geistesleben zu Materialismus, Individualismus, Selbstüberhebung, zu bloßer Zivilisation anstelle der Kultur usw. Wer sich dem Wirken des Hl. Geistes öffnet, hat den Blick dafür und beobachtet diese ständige Überführung, diesen Nachweis der Sündhaftigkeit und der Schuld.

Der Hl. Geist zeigt auch, daß es eine Gerechtigkeit gibt.

Wieder zuerst bei Christus. Er ist zu Unrecht verurteilt und getötet worden, aber der Vater hat ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen durch die Auferweckung und die Herrlichkeit. Damit wissen die Jünger und auch wir, daß das Recht doch letztlich siegt. Auch das wird weitergehen durch den Lauf der Kirchengeschichte. Das Unrecht wird für den Augenblick immer oder wenigstens häufig groß dastehen. Es hat die Macht auf seiner Seite, den Erfolg, die Anhängerschaft fühlt sich erhaben über alle moralischen Forderungen, behauptet richtig und gerecht zu handeln.

Aber der Hl. Geist zeigt immer wieder im Ablauf der Ereignisse, daß das Unrecht auf die Dauer unterliegt und immer wieder Trümmer und Ruinen zurückläßt. Und selbst, wenn die Weltgeschichte nicht das Weltgericht ist, so weiß der Gläubige durch den Hl. Geist, daß am Ende der Zeiten die Gerechtigkeit ihren Triumph feiern wird und daß aller Welt sichtbar gemacht wird, auf welcher Seite das Recht gestanden hat.

Endlich zeigt der Hl. Geist, daß es ein Gericht gibt.

Wieder zeigt es sich zuerst bei Christus. Denn das Volk, das den Herrn verworfen hat, wird selbst verworfen, sein Tempel wird zerstört, das Volk zersprengt. Es hat sich das Gericht selbst zugezogen.

Aber auch hier geht es weiter durch den Lauf der Geschichte. Es gibt ein Gericht, weil der Einzelmensch im Innersten immer wieder vor dem Gericht seines Gewissens und damit vor Gott steht.

Ein Gericht auch in dem Sinn, daß die Menschheit auf die Dauer sieht, wohin die Sünde führt, und dann doch schließlich ein richtendes Wort über die Scheingröße der Zerstörung spricht. Und auch hier ist das Wirken des Hl. Geistes letztlich Hinweis auf das Endgericht am Ende der Tage. Dann macht der Geist Gottes allen sichtbar, wo Sünde und Unrecht war.

Darum schreitet der gläubige Mensch ruhig durch allen Haß, alle Bosheit, alle Sündhaftigkeit und alle Triumphe des Bösen hindurch. Er hat durch das Licht des Hl. Geistes, durch das Wort des Glaubens, durch die Offenbarung Gottes ein sicheres Urteil und läßt sich nicht von der Meinung der Masse beeindrucken und bestimmen. Etwas Geradliniges, Ruhiges, Unbestechliches und Sicheres ist damit für die Haltung des Christen gegeben.

(nach:  Richard Gutzwiller, Meditationen über Johannes, Benziger Verlag Einsiedeln Zürich Köln, 1958)


Bild: Ikone Ausgießung des Hl. Geistes | Foto: Heike Hannah Lux

Die Emmausjünger

Ostermontag

von P. Marc Brüllingen


Die erste Erscheinung des auferstandenen Herrn, von der der hl. Evangelist Lukas berichtet, erfolgt an die Jünger von Emmaus. Dieser Bericht ist besonders ausführlich gestaltet und zeichnet den Übergang von der Trauer der Verlassenen zur Freude der Besitzenden, jenen Übergang, der sich durch die Auferstehung des Herrn nicht nur bei den Emmausjüngern, sondern bei allen gläubigen Menschen vollzieht.

Diese Jünger sind keine Ungläubigen, die von Jesus nie gehört haben. Auch keine Ungläubigen, die zwar von Jesus gehört, seine Botschaft aber nicht angenommen haben. Sie haben ihn erkannt als „Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und allem Volk“. Darüber hinaus haben sie ihn erfaßt als den, der „Israel erlösen wird“. Aber diese Menschen sind durch das Leiden an ihrem Glauben irre geworden. Ein gekreuzigter Erlöser ist ihnen etwas Unfaßliches. Sie werden mit dieser Tatsache innerlich nicht fertig. An die Auferstehung glauben sie nicht. Sie haben die Meldung der Frauen noch gehört, aber sie nehmen diese Botschaft nicht an. Die Tatsache des Kreuzes hat sie völlig verwirrt, und zwar so sehr, daß sie nun bereits Jerusalem verlassen und als Enttäuschte ihre Hoffnung aufgeben.

Das Leiden ist immer wieder der Stein des Anstoßes, das große Ärgernis, das, was die Menschen in ihrem Gottesglauben unsicher macht. Sie können es mit dem Glauben an die Macht und Liebe Gottes nicht vereinbaren. Und so führt sie das Leiden von der vermeintlichen Täuschung ihres Kinderglaubens über die Enttäuschung, die das harte Leben mit sich bringt, zum ernüchterten, illusionslosen Unglauben. Der Weg der Emmausjünger, fort von Jerusalem, ist der Weg, den viele Tausende gehen.

Jesus erklärt ihnen die Schrift. Und aus der Schrift den Sinn des Leidens als großen Heilsplan Gottes. „Ihr Unverständigen, wie schwer wird es euren Herzen, all das zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte denn nicht der Messias das leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?“ Leiden und Kreuz des gesalbten Jahwes entspricht dem geheimnisvollen Plan Gottes. Und dieser Plan Gottes ist aus der Schrift ersichtlich. „Er begann mit Moses und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt wird.“ Daraus ist ersichtlich, daß richtige Exegese (= Auslegung der Hl. Schrift) christologisch ist. Ausdrücklich wird gesagt, daß sogar Moses wie alle Propheten, ja sogar „alle Schriften“ vom Messias handeln. Christologische Exegese, christozentrische Erklärung des Alten Testamentes ist durch Christus selbst grundgelegt und gerechtfertigt. Nur wer diese Schrifterklärung vornimmt, versteht den eigentlichen Sinn der Heiligen Schrift. Jede andere Bibelauslegung bleibt am äußeren Wortlaut hängen und verschließt sich das Verständnis für das innerste Geheimnis und den tiefsten Sinn der Schrift.

Darüber hinaus offenbart sich Jesus noch persönlich im Brotbrechen. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn.“ Zur Schrifterklärung kommt das Geheimnis des Brotbrechens und in beidem die Selbstmitteilung als die eigentliche Offenbarung, durch die Christus sich selbst kundtut. Der Mensch kann studieren, nachdenken, forschen und beten. Es ist trotzdem letztlich Gnade Gottes, wenn sich Christus ihm kundtut. Ohne diese Selbstmitteilung des Herrn bleiben die Augen gehalten. Und erst wenn der Herr sich zu erkennen gibt, vollzieht sich das gleiche wie bei den Emmaujüngern: „Es gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn.“ Brotbrechen ist Tischgemeinschaft mit Christus. Nur wen der Herr zu dieser Tischgemeinschaft ruft, erkennt ihn richtig.

Schon bevor die Emmausjünger ihn erkannten, war er in ihrer Mitte, und schon da war die Wirkung spürbar. „Brannte nicht unser Herz, als er auf dem Weg zu uns sprach, und als er uns die Schrift erklärte?“ Es geht ein geheimnisvolles Feuer von Christus aus. Verbundenheit mit Christus bewirkt ein brennendes Herz. Und ohne Christus sind die Herzen kalt und erloschen.

Die Wirkung der Erkenntnis Jesu ist bei den Jüngern geradezu handgreiflich: „Noch in der gleichen Stunde machten sie sich auf und kehrten nach Jerusalem zurück.“ Es vollzieht sich die Wendung um 180 Grad, die Wendung von der Betrübnis zur Freude, von der Hoffnungslosigkeit zur Hoffnung, vom Weglaufen an die Peripherie zur Hinwendung in die Mitte aller Dinge. Von der verzagten Mutlosigkeit zu freudigem Vertrauen. Wie die Emmausjünger zu den Elfen im Abendmahlssaal kommen, erfahren sie von diesen, daß der Herr dem Simon erschienen ist. Die gegenseitigen Berichte bestätigen somit die gleiche entscheidende Tatsache: Daß wahrhaftig der Herr auferweckt sei! So ist der Bericht der Emmausjünger die Zeichnung des Lebens ohne den Herrn, das Eingreifen des Herrn und das völlig veränderte Leben mit dem Herrn. Zum Staunen über das leere Grab, zur Botschaft der Engel über die Auferstehung kommt als eigentliche Erfüllung der Herr selbst, der sich den Seinen kundtut, zuerst nur dem einen Simon und den zwei Emmausjüngern, dann aber sämtlichen versammelten Aposteln.

(nach: Richard Gutzwiller, Meditationen über Lukas, Bd. II, Bonner Buchgemeinde, 1954)