Die Emmausjünger

Ostermontag

von P. Marc Brüllingen


Die erste Erscheinung des auferstandenen Herrn, von der der hl. Evangelist Lukas berichtet, erfolgt an die Jünger von Emmaus. Dieser Bericht ist besonders ausführlich gestaltet und zeichnet den Übergang von der Trauer der Verlassenen zur Freude der Besitzenden, jenen Übergang, der sich durch die Auferstehung des Herrn nicht nur bei den Emmausjüngern, sondern bei allen gläubigen Menschen vollzieht.

Diese Jünger sind keine Ungläubigen, die von Jesus nie gehört haben. Auch keine Ungläubigen, die zwar von Jesus gehört, seine Botschaft aber nicht angenommen haben. Sie haben ihn erkannt als „Prophet, mächtig in Wort und Tat vor Gott und allem Volk“. Darüber hinaus haben sie ihn erfaßt als den, der „Israel erlösen wird“. Aber diese Menschen sind durch das Leiden an ihrem Glauben irre geworden. Ein gekreuzigter Erlöser ist ihnen etwas Unfaßliches. Sie werden mit dieser Tatsache innerlich nicht fertig. An die Auferstehung glauben sie nicht. Sie haben die Meldung der Frauen noch gehört, aber sie nehmen diese Botschaft nicht an. Die Tatsache des Kreuzes hat sie völlig verwirrt, und zwar so sehr, daß sie nun bereits Jerusalem verlassen und als Enttäuschte ihre Hoffnung aufgeben.

Das Leiden ist immer wieder der Stein des Anstoßes, das große Ärgernis, das, was die Menschen in ihrem Gottesglauben unsicher macht. Sie können es mit dem Glauben an die Macht und Liebe Gottes nicht vereinbaren. Und so führt sie das Leiden von der vermeintlichen Täuschung ihres Kinderglaubens über die Enttäuschung, die das harte Leben mit sich bringt, zum ernüchterten, illusionslosen Unglauben. Der Weg der Emmausjünger, fort von Jerusalem, ist der Weg, den viele Tausende gehen.

Jesus erklärt ihnen die Schrift. Und aus der Schrift den Sinn des Leidens als großen Heilsplan Gottes. „Ihr Unverständigen, wie schwer wird es euren Herzen, all das zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Mußte denn nicht der Messias das leiden und so in seine Herrlichkeit eingehen?“ Leiden und Kreuz des gesalbten Jahwes entspricht dem geheimnisvollen Plan Gottes. Und dieser Plan Gottes ist aus der Schrift ersichtlich. „Er begann mit Moses und allen Propheten und legte ihnen aus, was in allen Schriften von ihm gesagt wird.“ Daraus ist ersichtlich, daß richtige Exegese (= Auslegung der Hl. Schrift) christologisch ist. Ausdrücklich wird gesagt, daß sogar Moses wie alle Propheten, ja sogar „alle Schriften“ vom Messias handeln. Christologische Exegese, christozentrische Erklärung des Alten Testamentes ist durch Christus selbst grundgelegt und gerechtfertigt. Nur wer diese Schrifterklärung vornimmt, versteht den eigentlichen Sinn der Heiligen Schrift. Jede andere Bibelauslegung bleibt am äußeren Wortlaut hängen und verschließt sich das Verständnis für das innerste Geheimnis und den tiefsten Sinn der Schrift.

Darüber hinaus offenbart sich Jesus noch persönlich im Brotbrechen. „Da gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn.“ Zur Schrifterklärung kommt das Geheimnis des Brotbrechens und in beidem die Selbstmitteilung als die eigentliche Offenbarung, durch die Christus sich selbst kundtut. Der Mensch kann studieren, nachdenken, forschen und beten. Es ist trotzdem letztlich Gnade Gottes, wenn sich Christus ihm kundtut. Ohne diese Selbstmitteilung des Herrn bleiben die Augen gehalten. Und erst wenn der Herr sich zu erkennen gibt, vollzieht sich das gleiche wie bei den Emmaujüngern: „Es gingen ihnen die Augen auf, und sie erkannten ihn.“ Brotbrechen ist Tischgemeinschaft mit Christus. Nur wen der Herr zu dieser Tischgemeinschaft ruft, erkennt ihn richtig.

Schon bevor die Emmausjünger ihn erkannten, war er in ihrer Mitte, und schon da war die Wirkung spürbar. „Brannte nicht unser Herz, als er auf dem Weg zu uns sprach, und als er uns die Schrift erklärte?“ Es geht ein geheimnisvolles Feuer von Christus aus. Verbundenheit mit Christus bewirkt ein brennendes Herz. Und ohne Christus sind die Herzen kalt und erloschen.

Die Wirkung der Erkenntnis Jesu ist bei den Jüngern geradezu handgreiflich: „Noch in der gleichen Stunde machten sie sich auf und kehrten nach Jerusalem zurück.“ Es vollzieht sich die Wendung um 180 Grad, die Wendung von der Betrübnis zur Freude, von der Hoffnungslosigkeit zur Hoffnung, vom Weglaufen an die Peripherie zur Hinwendung in die Mitte aller Dinge. Von der verzagten Mutlosigkeit zu freudigem Vertrauen. Wie die Emmausjünger zu den Elfen im Abendmahlssaal kommen, erfahren sie von diesen, daß der Herr dem Simon erschienen ist. Die gegenseitigen Berichte bestätigen somit die gleiche entscheidende Tatsache: Daß wahrhaftig der Herr auferweckt sei! So ist der Bericht der Emmausjünger die Zeichnung des Lebens ohne den Herrn, das Eingreifen des Herrn und das völlig veränderte Leben mit dem Herrn. Zum Staunen über das leere Grab, zur Botschaft der Engel über die Auferstehung kommt als eigentliche Erfüllung der Herr selbst, der sich den Seinen kundtut, zuerst nur dem einen Simon und den zwei Emmausjüngern, dann aber sämtlichen versammelten Aposteln.

(nach: Richard Gutzwiller, Meditationen über Lukas, Bd. II, Bonner Buchgemeinde, 1954)

 

Zum ersten Passionssonntag

von P. Marc Brüllingen


Mit der Passionszeit treten wir in einen neuen Abschnitt der Fastenzeit ein. Äußerlich wird dies durch das Verhüllen der Kreuze sowie der Heiligenfiguren und der Heiligenbilder sichtbar. Das „Gloria Patri“, der Lobpreis an die allerheiligste Dreifaltigkeit entfällt im Introitus und ebenso am Ende des Lavabo-Psalmes. Auch das Stufengebet am Anfang der hl. Messe ist verkürzt.

Auch an den Meßtexten läßt sich erkennen, daß der leidende Heiland immer mehr in den Vordergrund rückt, besonders im Evangelium, wo der Gegensatz zwischen Christus und dem auserwählten Volk Israel immer deutlicher hervortritt.

Im Evangelium des ersten Passionssonntags hören wir, daß Jesus den Kindern Abrahams die Freiheit bringt. Das Gespräch bewegt sich um folgende Gedanken: Die Juden betrachten sich als Söhne Abrahams aus Sarah und darum als Freie. Jesus zeigt ihnen, daß sie Sklaven sind und nicht Kinder Abrahams, sondern Söhne des Teufels. Er selbst dagegen ist mehr als ein Sohn Abrahams, er ist Sohn Gottes. Darum hat Abraham in die Zukunft blickend sich gefreut, seinen Tag zu schauen. Damit ist der Gegensatz scharf herausgearbeitet. Die Teufelsbrut, die an die Sünde versklavt ist, einerseits, und der Sohn Gottes, der die freimachende Wahrheit bringt, anderseits. Das Gespräch ist nicht logisch gebaut, sondern es ist das lebendige Hin und Her einer heftigen, zum Schluß geradezu leidenschaftlichen Diskussion. Immerhin ist insofern eine Entwicklung festzustellen, daß zuerst mehr vom Motiv der Freiheit im Gegensatz zur Sklaverei, dann vom Motiv der Kindschaft Abrahams im Gegensatz zur Teufelsbrut die Rede ist.

Jesus beginnt mit der Mitteilung „Die Wahrheit wird euch freimachen“. Die Juden betonen, daß sie nie Sklaven gewesen seien, sondern als Kinder Abrahams freie Menschen seien. Aber Jesu redet nicht von der sozialen und politischen Freiheit, sondern von der inneren, seelischen Freiheit. Sie sind Sklaven der Sünde. Freiwerden können sie nur, wenn der Sohn, der über das Haus verfügt, ihnen die Freiheit schenkt. „Wenn der Sohn euch freimacht, werdet ihr wirklich frei sein.“ Der Mensch kann äußerlich die Freiheit lieben und doch innerlich versklavt sein. Er kann umgekehrt äußerlich in Knechtschaft leben und doch innerlich frei sein. Vor Gott zählt nur die innere Freiheit des Herzens. Diese zu bringen, ist Christus gekommen. Und gerade sie fehlt den jüdischen Führern.

Und nun dreht sich das Gespräch um die Kindschaft Abrahams. Die Juden berufen sich darauf, daß sie Söhne Abrahams seien. Christus erwidert ihnen, daß sie dann auch die Werke Abrahams tun, d. h. einen Abrahamsglauben besitzen müßten. Sie tun aber das Gegenteil. Nicht bloß sind sie ungläubig, sondern sie trachten Jesus geradezu nach dem Leben. Damit beweisen sie, daß sie Kinder desjenigen sind, der ein „Mörder von Anbeginn“ ist, Kinder des Teufels. Nicht Abraham ist ihr Vater, sondern der Teufel. „Ihr stammt vom Teufel als eurem Vater und wollt nach den Gelüsten eures Vaters handeln. Er war ein Mörder von Anbeginn.“ Darum können sie auch nicht zum Glauben kommen, denn „er ist ein Lügner und der Vater der Lüge. Weil ich aber die Wahrheit rede, glaubt ihr mir nicht.“ Die Juden antworten, indem sie nun umgekehrt ihn als einen vom Teufel Besessenen betrachten und behandeln. Damit ist das Nein ihres Glaubens zu einem direkten Angriff, ja zu einer Lästerung geworden. Die Brut des Teufels lästert den Sohn Gottes. Anstatt ihn zu ehren, schmähen sie ihn.

Aber nun führt Jesus den Gedanken weiter. Während sie Kinder des Mörders von Anbeginn sind, ist er der Bringer ewigen Lebens. „Wenn jemand mein Wort befolgt, wird er in Ewigkeit den Tod nicht schauen.“ Ihre Schmähung kann ihm nichts anhaben, denn er wird vom Vater im Himmel geehrt. Weil er Sohn Gottes ist, ist er mehr als Abraham. „Abraham frohlockte, daß er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich.“ Das Gespräch schließt mit dem ungeheuren Satz Christi: „Ehe Abraham ward, bin ich.“ Er ist also überzeitlich, denn er war schon vor Abraham, ja nicht nur, er war, sondern er ist, und zwar ständig; er ist schlechthin der Seiende. Die Juden verstehen durchaus, was er damit sagen will, daß er sich nämlich über die bloß menschliche Daseinsweise erhebt und sich ein göttliches Sein zuspricht. Darum heben sie Steine auf, um ihn zu steinigen. Damit ist das Gespräch zu Ende. Von der Auseinandersetzung um Wahrheit und Freiheit erhob es sich zur Frage nach der Kindschaft Abrahams, spitzte sich zu zur Kindschaft Gottes einerseits und zur Nachkommenschaft des Teufels anderseits und damit auf der einen Seite zum ewigen Leben, auf der andern zur Mordgier.

Die Führer der Juden sind Sklaven der Sünde, haben darum weder die Wahrheit noch die Freiheit. Sie sind nicht Kinder Abrahams, sondern Söhne des Teufels. Darum haben sie keinen Glauben, sondern folgen der Lüge, dem Haß und dem Willen zum Mord. Jesus dagegen ist Sohn Gottes, besitzt darum die Wahrheit und die Freiheit, ist höher als Abraham, gibt ewiges Leben, weil er selbst der ewig seiende und lebendige Sohn Gottes ist. So ist eine immer weiter schreitende Selbstoffenbarung Anlaß zu einer immer weiter greifenden Ablehnung, bis zum Versuch einer unmittelbaren und sofortigen Steinigung. Der Abschnitt schließt mit dem Satz: „Jesus verbarg sich und ging aus dem Tempel hinaus.“

So endet das Fest mit schrillem Mißklang. Das Licht leuchtet in der Finsternis, aber die Finsternis hat es nicht erfaßt. Das Wasser sprudelt als lebendiger Quell aus dem Herzen des Herrn, aber die Menschen wollen nicht daraus schöpfen. Er will ihnen Leben bringen, aber sie wollen seinen Tod. Sie hätten ihn als die Erfüllung des Laubhüttenfestes mit Jubel begrüßen müssen, aber sie werfen Steine nach ihm. Er muß sich verbergen und den Tempel verlassen. Und doch ist die Selbstoffenbarung des Herrn nicht zu Ende.

(nach: Richard Gutzwiller, Meditationen über Johannes, Benziger Verlag Einsiedeln, 1958)

Aus den Tiefen …

von P. Andreas Fuisting

Nun stehen wir bereits in der Vorfastenzeit, mit der die Vorbereitung auf das höchste Fest des Kirchenjahres begonnen hat: Ostern, die Feier unserer Erlösung. Drei Sonntage gehen der 40tägigen Fastenzeit voraus, die Sonntage Septuagesima, Sexagesima und Quinquagesima, was bedeutet der siebzigste, sechzigste und fünfzigste Tag vor Ostern. (Die Zahlen sind abgerundet, weil der folgende Sonntag Quadragesima genannt wird).

Die drei Vorfastensonntage sind eine Einladung Gottes: „Geht in meinen Weinberg“, „lauft in der Rennbahn“, damit ihr den Siegespreis erlangt. Wir erhalten die Aufgabe das Samenkorn des Wortes Gottes in den Ackergrund der Seele zu legen, damit es aufgeht und Frucht bringt. Was wir an Mühen und Opfern aufbringen in Vorfasten- und Fastenzeit ist auf Ostern gerichtet, wo wir, erleuchtet durch die Taufgnade, mit Christus zu neuem Leben auferstehen sollen.

Zuvor aber gehen wir nun wie durch eine Vorhalle auf die Fastenzeit zu. Das erste, was die Kirche uns dabei zum Bewußtsein bringen will, ist, daß wir Sünder, Gefallene sind, die hilfsbedürftig, arm und ohnmächtig, nicht aus eigener Kraft aus der Not der Seele herauskommen können. „Aus den Tiefen rufe ich, o Herr, zu dir, Herr erhör mein Rufen.“ Als gläubige Christen muß uns in dieser Zeit die starke Hoffnung beseelen, daß wir, nachdem wir uns in Reue und Buße dem lebendigen Gott wieder zugewandt haben unseren Lohn erhalten werden, weil Gott in seiner unendlichen Liebe dem Reumütigen sein Erbarmen schenkt.

Seit Septuagesima schweigt im Gebet der Kirche das Alleluja. Erst in der Osternacht erklingt es wieder. Ein mittelalterlicher Liturgiker sagt dazu: „Wir stellen das Alleluja ein, das die Engel singen, weil wir, durch die Sünde Adams von der Gesellschaft der Engel ausgeschlossen, im Babylon des Erdenlebens dasitzen an den Bächen und weinen beim Gedanken Sions; und wie die Söhne Israels im fremden Land die Harfen an die Weiden hängten, so müssen wir den Allelujagesang zur Zeit der Trauer in Buße und Bitterkeit des Herzens vergessen.“

Unbefleckte Empfängnis

8. Dezember
von P. Marc Brüllingen


Die „Unbefleckte Empfängnis“ ist ein Privileg Mariens in bezug auf ihre Seele. Es wurde nie ernsthaft bestritten, daß bei Maria irgendeine Form von antizipierter Heiligung stattgefunden hat. Ähnlich wie beim hl. Johannes dem Täufer (Lk 1,15) dachte man an eine Heiligung vor der Geburt im Mutterschoß.

Seit dem 12. Jahrhundert wurde die Frage diskutiert, ob Maria nur vor der Geburt oder auch im ersten Augenblick ihrer Empfängnis geheiligt wurde. Wurde Maria also vom schon eingetretenen Makel der Erbsünde nachträglich befreit oder blieb sie davor bewahrt?

Was das Fest der „Empfängnis Mariens“ – wie es ursprünglich hieß – betrifft, so kann man nicht ohne weiteres behaupten, man habe hiermit die unbefleckte Empfängnis feiern wollen. In der alten Kirche wurde von den Griechen und z. T. auch von den Lateinern (besonders in Neapel und Ravenna) noch früher als die Empfängnis Mariens das Fest der Empfängnis des hl. Johannes des Täufers gefeiert. Man feierte darin die wunderbaren Ereignisse, die mit der Empfängnis des Johannes verbunden waren.

In analoger Weise erklärte man im Mittelalter zuweilen auch das Fest der Empfängnis Mariens. Die leibliche Empfängnis Mariens sei als erster Anfang des Daseins der Mutter Christi ein freudenreiches Ereignis und die Einleitung zu ihrer späteren Heiligung und der Empfängnis Christi.

Papst Pius IX. definierte das Dogma von der Unbefleckten Empfängnis Mariens am 8. Dezember 1854 durch die Bulle „Ineffabilis Deus“.

Schon das Konzil von Basel hatte 1439 eine Definition versucht, die aber keine Gültigkeit hatte, da das Konzil von Basel schismatisch war und vom Papst nicht bestätigt wurde. Dennoch ist dieses Ereignis ein Zeichen dafür, daß der Glaube an die Unbefleckte Empfängnis in der Kirche schon weit verbreitet war. Papst Sixtus IV. verbot 1483 durch die Konstitution „Grave nimis“ die Unbefleckte Empfängnis zu zensurieren bzw. die Leugnung als häretisch zu brandmarken. Vorher schon hatte er das zu Ehren der Unbefleckten Empfängnis verfaßte Meßformular und Offizium „Sicut lilium“ gebilligt und mit Ablässen versehen. Er führte das Fest auch in die Diözese Rom ein. Papst Pius V. verdammte den Satz des Bajus, niemand sei ohne Erbsünde empfangen und Maria habe die Folgen der Sünde wegen der Erbsünde und persönlichen Sünden getragen. Papst Paul V. verbot 1617 die Behauptung, Maria sei in der Erbsünde empfangen öffentlich zu lehren und zu verteidigen. Papst Gregor XV. dehnte dieses Verbot auch auf den privaten Bereich aus. Nur den Dominikanern war es weiter erlaubt, über diese Frage privat zu disputieren. Papst Alexander VII. legte schließlich in der Bulle „Sollicitudo omnium ecclesiarum“ die kirchliche Lehre von der unbefleckten Empfängnis dar und wies die falschen Interpretationen und Einwände zurück. Das Fest der „Conceptio Beatae Mariae Virginis“ wurde 1708 von Papst Klemens XI. für die gesamte Kirche vorgeschrieben.

Die Heilige Schrift äußert sich nicht ausdrücklich über diesen Lehrpunkt, aber in dem Bild Mariens, wie es sich aus dem Protoevangelium (Buch Genesis 3,15), dem Gruß des Engels und der Elisabeth ergibt, ist die Unbefleckte Empfängnis eingeschlossen.

Die ganze Tradition beherrscht das Bild der außerordentlichen Reinheit und Heiligkeit Mariens und ihr Typus als neue und bessere Eva. Für die Freiheit von der Erbsünde finden sich in den ersten Jahrhunderten keine ausdrücklichen und sicheren Zeugnisse, aber doch Aussagen, die sehr deutlich in diese Richtung gehen. Das Hauptproblem besteht im Dogma von der Allgemeinheit der Erbsünde. Daher kommt die unklare und schwankende Haltung einiger Kirchenväter: So nennt z. B. der hl. Ambrosius Maria zwar heilig in ihrem Ursprung (De instit. Virgin. 5) und durch die Gnade frei von allen Flecken der Sünde (In Ps. 118), aber anderswo erklärt er wieder Christus für den einzigen der der Ansteckung der irdischen Verderbtheit nicht verfallen sei (In Luc. II,26).

Wichtig ist die Einführung des Festes der Empfängnis Mariens, das ursprünglich den Namen „Empfängnis der hl. Anna“ führte und bei den Griechen am 9. Dezember gefeiert wurde. Gegenstand des Festes war am Anfang nicht eigentlich die Unbefleckte Empfängnis Mariens durch einen Engel, wie es im apokryphen Jakobusevangelium erzählt wird. Man dachte aber wenigstens im Allgemeinen an eine von Anfang an heilige Empfängnis. Als man sich im Abendland über den genaueren Sinn der Festfeier Gedanken machte, kam es zu der berühmten Kontroverse. Einige angelsächsische Theologen erklärten, der eigentliche Gegenstand des Festes sei die Unbefleckte Empfängnis. Die erste scholastische Verteidigungsschrift der Unbefleckten Empfängnis stammt dann auch von einem Schüler des hl. Anselm von Canterbury, dem Benediktiner Eadmer (+1124): Tract. de conceptione S. Mariae.

Die Frage wurde in der Scholastik gewissermaßen falsch gestellt. Man fragte sich: Fand die Heiligung Mariens schon vor der Eingießung der Seele statt, so daß das Fleisch geheiligt wurde und die Seele sich infolgedessen nicht die Erbsünde zuzog oder erfolgte die Heiligung erst nach der Eingießung der Seele, die folglich schon von der Sünde infiziert war? Auf die Möglichkeit, daß die Heiligung Mariens sich zugleich mit der Eingießung der Seele vollzog, kam man nicht, bzw. wenn man eine solche erwog, dachte man sie sich so, als wäre Maria dann von der Erlösungsbedürftigkeit ausgenommen. Die Theologen glaubten, daß die Erlösungsgnade in bezug auf Maria nicht nur eine zukünftig drohende, sondern eine tatsächlich eingetretene Verstrickung in die Sünde voraussetze. Die Theologen waren nicht prinzipiell gegen das jetzt definierte Dogma, sondern wußten nur die Schwierigkeiten nicht zu lösen.

Es ist unbestreitbar das große Verdienst des Johannes Duns Scotus, gezeigt zu haben, daß die Gründe für die Heiligung Mariens nach der Beseelung nur eine posterioritas naturae (=Spätersein der Natur), nicht temporis (=der Zeit) forderten. Eine wahre Erlösung besteht nicht nur in der Reinigung von der bereits eingetretenen Sünde, sondern kann auch in der Bewahrung vor dem Makel bestehen, und dies ist sogar die vollkommenere Art der Erlösung. Somit war eine Bewahrung Mariens vor der Erbsünde möglich, ohne daß man sie deshalb von der Erlösung ausnehmen mußte.

Das Lehramt der Kirche ist bei der Dogmatisierung der Unbefleckten Empfängnis in diesem Fall der franziskanischen Schule gefolgt.