Herrschaft oder Dienst?

von Hannah Lux


Wenn ich mir die Diskussionen über kirchliche Themen anhöre, die seit Langem immer wieder aufkommen, geht es häufig darum, der Kirche Machtausübung vorzuwerfen – Machtausübung durch eine rein männliche oder zumindest männlich dominierte Hierarchie. Von vielen Seiten wird Unverständnis darüber zum Ausdruck gebracht, dass die Kirche nicht demokratisch organisiert ist und dass nicht alle Mitglieder dieselben Aufgaben übernehmen können.

Nochmals neuen Auftrieb hat diese Diskussion in letzter Zeit bekommen durch den „Synodalen Weg“ und die Aktivistinnen von „Maria 2.0“, die den Zugang von Frauen zu allen Weiheämtern fordern.

Selten höre ich dabei etwas davon, dass jeder Mensch eine andere einzigartige Berufung hat und dass er auf Ergänzung angewiesen ist. Die Gaben wie die Begrenzungen, das Geschlecht und die Lebensumstände sind Teil dieser Einzigartigkeit jeder Berufung. Diese Umstände öffnen einige Türen und schließen andere zu. Ein 2-Meter-Hüne hat es ja auch leichter, im Basketballteam seinen Platz zu finden als auf dem Rücken eines Rennpferdes – und wenn er noch so gerne Jockey wäre.

Das biblische Bild von der Gemeinde Christi als Leib mit unterschiedlichen Gliedern und Organen macht es deutlich: Die Kirche kann nur aufgebaut werden im gegenseitigen Dienst mit den je eigenen Gaben im je eigenen Stand. Von diesem Dienst hört man allerdings nur selten etwas in den Diskussionen, „Dialog“angeboten und Themenpapieren.

„Nun aber sind es viele Glieder, aber der Leib ist einer. Das Auge kann nicht sagen zu der Hand: Ich brauche dich nicht; oder auch das Haupt zu den Füßen: Ich brauche euch nicht. Vielmehr sind die Glieder des Leibes, die uns die schwächsten zu sein scheinen, die nötigsten; und die uns am wenigsten ehrbar zu sein scheinen, die umkleiden wir mit besonderer Ehre; und bei den unanständigen achten wir besonders auf Anstand; denn die anständigen brauchen’s nicht.

Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“
(1. Korintherbrief 12, 20-26)

Als Laie nehme ich sehr viel häufiger „Dienst“ in Anspruch, als dass ich wirklich Herrschaft begegne:

  • Wenn ich um eine Segnung bitte, nehme ich Dienst in Anspruch
  • Bei der Beichte nehme ich Dienst in Anspruch
  • Beim Empfang der Sakramente nehme ich Dienst in Anspruch
  • Selbst wenn ich Führung und Leitung erfahre, nehme ich Dienst in Anspruch
  • Als Glied der Kirche erfahre ich auch den Dienst des Papstes. In seinem hohen Alter könnte er auch ein weniger anstrengendes und Disziplin forderndes Leben haben, als sich ganz der Leitung der Kirche zu widmen.

Ist das Klerikalismus? Den sehe ich eher bei der Fixierung auf die Leitungsgewalt der geweihten Ämter, die aber doch viel eher Dienstämter sind.

Ich frage mich, ob diese Sichtweise nicht auch und hauptsächlich daher kommt, dass Viele gerade diese Dienste nicht mehr in Anspruch nehmen.

Bezogen auf die Frage nach der Frauenordination antworte ich daher oft (etwas augenzwinkernd):

Die Kirche – als Braut Christi – ist weiblich.
Es ist nur recht, dass die Männer ihr dienen.

Und die Laien? Sie könnten eigentlich die Priester mit ihren Begabungen unterstützen, so wie die Priester die Laien unterstützen können in ihrer geistlichen Bildung und ihrem geistlichem Leben. Mir kommt es aber manchmal so vor, als seien hauptsächlich die Dienste gefragt, die bezahlt oder beachtet werden. Von echter gegenseitiger Ergänzung ist wenig zu sehen.

„Aber Gott hat den Leib zusammengefügt und dem geringeren Glied höhere Ehre gegeben, damit im Leib keine Spaltung sei, sondern die Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen. Und wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit, und wenn ein Glied geehrt wird, so freuen sich alle Glieder mit.“
(1. Korintherbrief 12, 24b-26)


Fotos aus dem Bode-Museum, Berlin | Heike Hannah Lux

Zum CHRISTKÖNIGSFEST

von P. Marc Brüllingen


„In jener Zeit sprach Pilatus zu Jesus: Bist du der König der Juden? Jesus antwortete: Sagst du das aus dir selbst, oder haben es dir andere von mir gesagt? Pilatus erwiderte: Bin ich denn ein Jude? Dein Volk und die Hohenpriester haben dich mir überliefert. Was hast du getan? Jesus antwortete: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Wenn mein Reich von dieser Welt wäre, so würden gewiß meine Diener für mich streiten, und ich wäre nicht den Juden ausgeliefert worden. Nun aber ist mein Reich nicht von hier. Da sprach Pilatus zu ihm: Also bist du doch ein König? Jesus antwortete: Ja, ich bin ein König. Dazu bin ich geboren und in die Welt gekommen, daß ich für die Wahrheit Zeugnis gebe. Jeder, der aus der Wahrheit ist, hört meine Stimme.“ (Joh 18, 33-37)

Die Worte Jesu enthalten ein Doppeltes. Einmal das Bekenntnis seiner königlichen Größe und seines Reiches, das nicht von dieser Welt ist und darum alle Reiche dieser Welt überragt. Die Worte sind aber auch ein Appell an das Gewissen des Pilatus. Jesus ist gekommen als Zeuge der Wahrheit. Darum steht er zu seinem Königtum, auch wenn es ihn das Leben kostet. Wenn es Pilatus nun wirklich um die Wahrheit zu tun ist, wird er innerlich die Stimme Christi als die Stimme der Wahrheit und damit als Stimme Gottes erkennen.

Aber Pilatus weicht aus mit dem halb skeptischen, halb ironischen Wort: Was ist schon wahr, was ist Wahrheit? Immerhin ist ihm jetzt die Unschuld des Angeklagten eindeutig klar. Er will ihn freigeben. Das Licht leuchtet in der Finsternis. Um aber die Juden einigermaßen zu besänftigen und zu befriedigen, will er ihnen einen Bandenführer, der durch Mord und Totschlag ins Gefängnis gekommen war, freilassen.

Neben dem Königtum Christi von Gott her steht hier der angemaßte Wille zur Macht eines Räubers und Mörders. Allein schon die Gegenüberstellung ist tiefste Demütigung. Aber Jesus ist so groß, daß menschliche Erniedrigung ihn nicht kleiner machen kann. Pilatus ist Vertreter äußerer Macht und Größe, ist aber innerlich ein schwacher und kleiner Mensch. Christus steht in menschlicher Ohnmacht vor ihm, ist aber der innerlich Große und Mächtige.

Die zweite Etappe ist, streng genommen, kein Verhör, sondern eine Mißhandlung Jesu. Pilatus hofft dadurch den Juden Genugtuung leisten zu können. So muß Christus die römische Geißelung ertragen und den Spott, den die Soldateska mit seiner königlichen Größe und Würde treibt. Aber die Mißhandlung verfehlt ihre Wirkung. Obwohl Pilatus nun Jesus in jämmerlichem Zustand dem Volk vorführt, verspürt dieses weder Mitleid noch irgendeine Regung des Gewissens, sondern gibt nur der Stimme des Hasses immer lauter und immer leidenschaftlicher Ausdruck in der Forderung der Kreuzigung.

Und doch steht auch in diesem Abschnitt das Wort: „Ich finde keine Schuld an ihm.“ Jesus spricht kein Wort. Sie wollen gewaltsam das Licht auslöschen. Es leuchtet trotzdem in der Finsternis. Im Schweigen und Dulden zeigt sich hier die seelische Größe Christi. Der körperliche Schmerz der Geißelung und der Dornen ist fast unerträglich. Und doch ist die seelische Qual größer. Sie verspotten sein Königtum. Die Finsternis hat es nicht erfaßt.

Die politische Klage hat bei Pilatus nicht verfangen. So greifen nun die Juden einen neuen Klagepunkt auf: Jesus hat sich zum Sohn Gottes gemacht.

Zwei Gestalten stehen sich gegenüber: Pilatus und Jesus. Pilatus erweist sich immer mehr als schwacher Mensch. Sieben Ausweichversuche unternimmt er. Fünf Unschuldserklärungen formuliert er. Trotzdem verurteilt er dann letztlich Jesus zum Tod. Die Behauptung, Jesus sei Sohn Gottes, weckt in ihm eine abergläubische Furcht. Und der Vorwurf: Du bist kein Freund des Kaisers, wenn du ihn freiläßest, trifft ihn persönlich und weckt die Menschenfurcht. So ist er im Tiefsten ein furchtsamer Charakter, wenn er auch die Furcht durch forsches Auftreten zu verbergen sucht. Ein kleiner Mensch, der in der großen, entscheidenden Stunde seines Lebens völlig versagt.

Jesus ist ganz anders. Er kennt das Ende des Prozesses und steht trotzdem in ruhiger Würde und Gelassenheit vor Pilatus. Er weiß, daß alles nach dem Willen des Vaters geschieht. Und so spricht er zu Pilatus auch furchtlos das Wort: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht von oben gegeben wäre.“

(nach: Richard Gutzwiller, Meditationen über Johannes; Benziger Verlag Einsiedeln Zürich Köln, 1958)


Bild: Ikone Christus Pantokrator | Foto: Heike Hannah Lux

Zum 15. Sonntag nach Pfingsten (Lk 7, 11-17)

von P. Marc Brüllingen


»Bald darauf ging Jesus in eine Stadt namens Naim. Seine Jünger und viel Volk zogen mit ihm. Als er sich dem Stadttor näherte, wurde ein Toter herausgetragen, der einzige Sohn seiner Mutter, die Witwe war.Als der Herr sie sah, wurde er von Mitleid mit ihr erfüllt und sprach zu ihr: „Weine nicht!“ Dann trat er hinzu und berührte die Bahre. Die Träger blieben stehen, und er sprach: „Jüngling, ich sage dir, steh auf!“ Da richtete sich der Tote auf und begann zu sprechen, und er gab ihn seiner Mutter zurück. Furcht ergriff alle. Sie priesen Gott und sprachen: „Ein großer Prophet ist unter uns aufgestanden. Gott hat auf sein Volk herabgeschaut.“ Und die Kunde von ihm verbreitete sich im ganzen Judenlande und in der ganzen Umgegend.«

Es war ein Zeichen göttlicher Macht, als Jesus durch seinen bloßen Willen den Knecht des römischen Hauptmannes heilte. Aber nun steht er vor einer wirklich hoffnungslosen Situation. Ein junger Mensch ist tot. Er ist das einzige Kind seiner Mutter, und diese ist Witwe. Hier sind somit alle Fäden zerrissen. Es denkt auch keiner an Hilfe. Die Mutter, die hinter der Leiche schreitet, ist so völlig in ihr Leid verloren, daß sie nichts mehr denken und hoffen kann. Das Volk rüstet sich auf das Begräbnis. Was kann man sonst tun? Auch die Jünger denken nicht daran, sich an Jesus zu wenden; denn ein Toter ist nicht nur ein entblätterter, sondern ein entwurzelter Baum. Da gibt es keine Hilfe.

So geht denn hier die Initiative ausschließlich von Jesus aus. Er hat Mitleid, d. h. er leidet mit dem Leidenden. Und so will er helfen. Der römische Hauptmann hat die Befehlsgewalt Jesu betont. Von dieser Gewalt macht Christus hier Gebrauch. Er befiehlt dem Toten: „Ich sage dir, steh auf!“ Etwas Majestätisches, Herrisches liegt in diesem Wort. „Ich sage dir.“ Christus beruft sich nicht auf einen andern, bittet nicht den Vater im Himmel, sondern beruft sich auf sich selbst, auf sein eigenes Wollen und seine eigene Macht. Sein bloßes Wort, sein befehl „steh auf“ ruft den Toten zum Leben zurück. Das Wunder dieser Totenerweckung ist etwas derart Unerhörtes, daß ein Schrecken die Umstehenden befällt. „Furcht ergriff alle.“ Sie haben Glauben, denn sie preisen Gott, sind überzeugt, daß Gott sein Volk heimgesucht hat, d.h. daß er in seinem Volke wieder Zeichen und Wunder seiner Macht wirkt.

Und doch ist dieser Glaube noch ungenügend. Er stößt nicht bis zum eigentlich Entscheidenden vor. Das Ergebnis ist nur: „Ein großer Prophet ist unter uns aufgestanden.“ Sie erfassen im Glauben das eigentlich göttliche Wesen Jesu nicht, und so stehen diese Juden hinter dem römischen Heiden zurück. Wenn Jesus nur ein großer Prophet ist, dann ist durch ihn nichts wesentlich Neues geschehen. Dann bleibt alles auf der bisherigen Ebene Israels, in dessen Mitte von Zeit zu Zeit immer wieder Propheten aufgestanden sind. Es wird dann einfach die prophetische Linie verlängert. Es ist Erneuerung, nicht etwas Neues. Gott hat dann nicht selbst und persönlich und unmittelbar sein Volk heimgesucht, sondern er hat nur, wie früher auch schon, einen Boten gesandt und also durch Vermittlung seinem Volk geholfen. Während doch in Wirklichkeit mit Jesus das entscheidend Neue geschieht, ein Abschluß alles Bisherigen und ein Anfang von etwas ganz Anderem.

Die Juden haben also Glauben, aber nicht den eigentlich richtigen. Sie preisen Gott, aber sie erkennen seine eigentliche Größe zu wenig. Die Totenerweckung sollte ihnen zeigen, daß nun neues Leben aufbricht, weil der Herr über Tod und Leben in ihrer Mitte steht.

(nach: Richard Gutzwiller, Meditationen über Lukas I, Bonner Buchgemeinde, Benziger Verlag Einsiedeln Zürich Köln; 1954)

Gemeinschaft der Heiligen in Zeiten der Pandemie

von Hannah Lux


Dieses Jahr war alles anders, aber damit sage ja ich niemandem etwas Neues. Schon die Fastenzeit kam mir teilweise vor wie ein wochenlanger Karsamstag – kein Sakrament, keine Liturgie, zumindest keine direkte Teilnahme. Zu Ostern haben dann sogar einige Veröffentlichungen behauptet “Ostern fällt aus”. Aber Ostern ist nicht ausgefallen.

Nach und nach gab es immer mehr Möglichkeiten, sich wenigstens mit Hilfe von (Internet-)Übertragungen mit dem Gebet und der Liturgie der Kirche zu verbinden. Ich habe das auch als eine schöne Möglichkeit empfunden, die Liturgie anderer Traditionen ohne große Hemmschwelle zu „besuchen“.

Zwar haben ein paar Liturgie­wissenschaftler die Hl. Messe ohne Anwesenheit der Gläubigen als „Geistermessen“ diffamiert, ein Diözesanbischof meinte sogar, von einer ungesunden „Eucharistiefixiertheit” sprechen zu müssen, aber viele Priester und Gemeindeleitungen haben ihre Gläubigen nicht im Stich gelassen.

Am Palmsonntag habe ich z.B. von zuhause aus die Liturgie der Armenischen Gemeinde hier in Köln verfolgt – mit Tablet und Liturgiebuch –, außerdem noch die Übertragung eines Gebets am Nachmittag. Weil ich davon ausgegangen bin, in diesem Jahr keine gesegneten Palmzweige zu bekommen, musste ein kleines Ästchen meines Olivenbaumes als Stellvertretung herhalten.

Am Karfreitag konnte ich morgens eine Beichtgelegenheit wahrnehmen und hatte dort auch die Möglichkeit, mit einem kurzen Ritus die hl. Kommunion zu empfangen – zum ersten Mal seit einigen Wochen. Am Nachmittag habe ich als Teil der Oekumenischen Choralschola Köln mitgewirkt an einer Karfreitagsliturgie, die ebenfalls online gestellt wurde.

In der Osternacht habe ich mich wieder aus der Ferne mit der Liturgie der Armenischen Gemeinde verbunden. Am Ostersonntag konnte ich in Maria Hilf die Osterkommunion empfangen und die Osterspeisen segnen lassen. Zu einer gesegneten österlichen Kerze bin ich dabei auch noch gekommen.

Letztlich konnte ich in der Kar- und Osterwoche sehr viel mehr „Handfestes“ empfangen und erleben, als ich es mir vorher gedacht hätte. Im letzten Jahr wären das alles noch Selbstverständlichkeiten gewesen.

Auch wenn mittlerweile wieder öffentliche Gottesdienste – mit Auflagen – möglich sind, gibt es glücklicherweise immer noch auch die Möglichkeit, der Liturgie per Streaming zu folgen. Selten habe ich so sinnfällig wie gerade jetzt wahrgenommen, dass das Lob Gottes nicht begrenzt ist durch Ort, Sprache, Kultur, Nationalität und auch nicht durch die derzeitigen Umstände.

Als ich im Mai zu einer orthodoxen Diakonenweihe eingeladen war, habe ich an der dortigen Gestaltung der Platzmarkierungen besonders deutlich das Bewusstsein dafür sehen können, dass wir die Liturgie mit dem ganzen Himmel feiern. Da, wo wegen der Abstandsregeln Bankreihen gesperrt waren, nahmen Ikonen den Raum ein, wo sonst die Gläubigen sitzen.

Mein persönliches Fazit aus dieser Situation:

  1. Vielleicht macht gerade die jetzige Situation besonders deutlich, dass wir Liturgie nie nur mit den uns gerade umgebenden Menschen feiern, sondern immer in Gemeinschaft mit der ganzen Kirche und der himmlischen Wirklichkeit – letzteres ganz ohne Abstandsregeln und Infektionsgefahr.
  2. Ich bin dankbar für alle Priester, die auch ohne die terminliche Verpflichtung fest geplanter Gottesdienste treu bleiben in der Feier der göttlichen Geheimnisse.
  3. Ich bin dankbar für die technischen Möglichkeiten, die wir mittlerweile haben – und für den Mut, damit zu experimentieren, um die Gläubigen nicht allein lassen zu müssen.
  4. Auch wenn einige Stimmen gestreamte Liturgien als Geistermessen diffamieren und lieber „kreative Rituale“ der Laien zuhause hätten – das persönliche Gebet ist essentiell, aber die Rückbindung an das Gebet und die Liturgie der Kirche sind es genauso. Ansonsten steht man evtl. nur auf einem Bein. Am sichersten steht man aber, wenn beide „Beine“ gut ausgeprägt sind. Auch in dieser besonderen Situation!
  5. Ich bin dankbar, dass so viele Möglichkeiten gefunden wurden, den Gläubigen schließlich doch noch Sakramente zu spenden und dass auch die Sakramentalien nicht zu kurz kamen. Wir sind eben doch nicht nur Geist, sondern auch Leib. – Für den Leib wurde im Übrigen auch dadurch Sorge getragen, dass überall große Umsicht geherrscht hat, damit es bei all dem nicht zu Ansteckungen kommt.

Fotos: Heike Hannah Lux

Zum Pfingstmontag

von P. Marc Brüllingen


„In jener Zeit sprach Jesus zu Nikodemus: So sehr hat Gott die Welt geliebt, daß Er Seinen eingeborenen Sohn dahingab, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht verlorengehe, sondern das ewige Leben habe. Gott hat Seinen Sohn in die Welt gesandt, nicht damit Er die Welt richte, sondern damit die Welt durch Ihn gerettet werde. Wer an Ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes nicht glaubt.

Das aber ist das Gericht, daß das Licht in die Welt kam und die Menschen die Finsternis mehr liebten als das Licht, da ihre Werke böse waren. Denn jeder, der Böses tut, haßt das Licht und kommt nicht zum Lichte, damit seine Werke nicht gerügt werden. Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Lichte, damit seine Werke offenbar werden; denn sie sind in Gott getan.“ (Joh 3, 16-21)

Die Reflexion des Evangelisten: Zwei große Erkenntnisse ergeben sich aus dem Heilsplan, den Jesus entwickelt hat.

Die erste ist die Tatsache der unendlichen Liebe Gottes. Sie zeigt sich darin, daß er seinen einziggeborenen Sohn für die Welt hingegeben hat, Gott will nicht den Tod, das Verlorengehen der Menschen, sondern will ihnen ewiges Leben schenken. Darum ist der Sohn nicht gekommen zu richten, sondern zu retten. Die Herrschaft Gottes im Reich Gottes zeigt sich also in der Liebe Gottes. Gott gebraucht seine Macht zum Helfen, weil sein innerstes Wesen die Liebe ist. Aber gerade darum will Gott die Menschen nicht zwingen, sondern, das ist die zweite Erkenntnis, der Mensch soll in freiem Jawort zu dieser Liebe das Heil erlangen.

Darum scheiden sich die Geister im Glauben und im Unglauben. Wer das Böse will, flieht das Licht. Er ist verschlossen, unempfänglich, er sucht nur sich selbst und will darum nicht, daß seine innerste Gesinnung sichtbar werde. Er mißbraucht seine Freiheit, um zu Gott nein zu sagen. Er wird infolgedessen streng genommen gar nicht gerichtet, sondern er richtet sich selbst, weil er seinem Leben die Richtung von Gott weg gibt.

Der gläubige Mensch dagegen öffnet sich Gott, nimmt das Licht von oben an. Was er tut, tut er in Gott. Er gibt allem die Richtung auf Gott hin. So ist er ein Geretteter. Er wünscht nichts anderes, als daß diese Wahrheit offenbar werde, denn es ist die Wahrheit, die Gott verherrlicht, das Ende ist für ihn darum nicht das Gericht, sondern das Aufstrahlen der Herrlichkeit Gottes.

So sind die Menschen vor die Entscheidung gestellt. Sie entscheiden sich zwischen Glauben und Unglauben und damit zwischen Licht und Finsternis. Wer sich für Gott entscheidet, wird durch dessen Sohn in die Kindschaft aufgenommen. Wer sich nicht für Gott entscheidet, hat am Sohn keinen Anteil. Er bleibt in sich selbst eingeschlossen und darum von Gott und seinem Reich ausgeschlossen.

Das ist die Krise, das Gericht, das durch das Kommen Gottes in Christus seinen Anfang genommen hat und das jeden Menschen vor die Entscheidung stellt, bis einmal im öffentlichen Endgericht diese Entscheidung eines jeden einzelnen sichtbar wird. Dann ist Gott in Christus die Ehre gegeben. Dann erst ist der Heilsplan voll verwirklicht und ist die Nikodemusfrage nach dem Heil und dem Reiche Gottes endgültig beantwortet.

(nach: Richard Gutzwiller, Meditationen über Johannes; Benziger Verlag Einsiedeln-Zürich-Köln, 1958)

Maria Magdalena am Ostermorgen

von P. Marc Brüllingen


Ohne Jesus: Früh morgens eilt Maria Magdalena zum Grab. An sich ist Ihr Tun menschlich gesehen sinnlos. Das Grab ist durch einen schweren Stein verschlossen. Was will sie als Frau vor diesem leeren Grabe tun? Aber die Liebe fragt nicht nach Sinn und Verstand. Sie ist eine Kraft, die vorwärts drängt und vorwärts treibt, ohne sich um Hindernisse und Hemmnisse zu kümmern. In Wirklichkeit ist der Stein weggewälzt, aber das Grab ist leer. Was soll sie im Leben ohne Jesus? Er ist das Geheimnis und der Inhalt ihrer ganzen Existenz geworden. So steht sie bloß weinend da.

Wer einmal erfaßt hat, was Christus ist, kann nicht mehr ohne ihn leben. Es würde alles grau, leer und sinnlos. Sie stellt für alle Menschen nun die Frage nach Jesus. Kann sie im Leben nicht mehr ihre Liebe bezeugen, dann kann sie wenigstens für eine würdige Bestattung sorgen, d.h. ihn zurücktragen, seinen Leib salben und einbalsamieren.

Millionen leben ohne Christus. Sie haben es nie erfaßt und erfahren, wie das Leben mit Christus ist. So spüren sie die Leere nicht. Sie haben Ersatzprodukte, an die sie sich halten können und die über das Vacuum hinwegtäuschen. Wer aber einmal erfaßt und erfahren hat, was der Gottmensch ist, kann durch nichts anderes mehr befriedigt und ausgefüllt werden. darum ist der Ungläubige, der einmal gläubig war, die traurigste Existenz. Er ist wie ein erloschener Krater, wie eine verblühte Blume, eine ausgeblasene Kerze.

Mit Christus: Jesus zeigt sich Magdalena. er erscheint mit verklärtem Leib. Aber ihr Schmerz ist so groß, daß sie ihn nicht erkennt. Erst wie er sie beim Namen nennt, fällt der Schleier. Denn so wie er spricht nur einer. So beim Namen rufen kann nur er. Der Anruf Gottes hat etwas Unwiderstehliches, lockend und fordernd zugleich. Seine Stimme ist nicht zu überhören. Sie ist bisweilen erschreckend, meist beglückend.

Diesmal ist es eindeutig Klang der Liebe. Darum ist auch die Antwort Magdalenas liebende Hingabe. Sie wirft sich dem Herrn zu Füßen und umklammert ihn, um ihn nicht mehr loszulassen, bis er sie mahnt mit dem Hinweis darauf, daß er ja noch nicht auffährt zum Vater im Himmel, daß sie ihn also noch besitzen kann, auch in seiner Sichtbarkeit. Auch hier ist der Anruf zugleich mit einer Sendung verbunden. Das Hin zu Christus ist zugleich ein Hin zu den Brüdern Christi. Es gibt keinen religiösen Egoismus. Was der Mensch empfängt, soll er weitertragen. Er soll Glocke sein, die läutet, Welle, die rauscht, Sturm, der mitreißt. Wegweiser und Führer zu Christus. Sendung ist wesentlich.

Eine Frau ist die erste, die zum Grabe kommt, die erste, die das Grab leer findet, die erste, der Jesus erscheint. Aber sie soll nicht selber hingehen und predigen, sondern sie soll die Jünger aufmerksam machen, deren Aufgabe nun die Verkündigung ist. Frauendienst ist diskret, zurückhaltend, aber deshalb nicht weniger wichtig als der im Vordergrund stehende, sichtbare und hörbare Dienst der Männer. Nur wo beides richtig zusammenklingt, ist die rechte Ordnung, wie Christus sie will. Es wäre falsch, den Frauen jede Sendung in der Kirche und an die Kirche absprechen zu wollen. Heilige verschiedenster Jahrhunderte haben das Gegenteil bewiesen. Es wäre aber ebenso falsch, den Frauen in der Kirche, besonders in der kirchlichen Lehre, die Führung zu überlassen. Sie gebührt nach Christi Willen den Männern. So ist eine Frau die erste, die den Auferstandenen schaut und damit das Glück des neuen Äons verkostet. Aber sie tritt nicht öffentlich auf, sondern bringt die Botschaft den Jüngern, überläßt es ihnen, den rechten Weg zur Verkündigung zu finden. Von solchen Szenen des Evangeliums hat die Kirche ihre Haltung gelernt und ist ihr treu geblieben durch die Jahrhunderte.

(nach: Richard Guzwiller, Meditationen über Johannes, Benziger Verlag Einsiedeln Zürich Köln, 1958)


Bild: Ikone Maria Magdalena | Foto: Heike Hannah Lux

Christa Meves zur aktuellen Situation

Europa ist aufgeschreckt. Eine Pandemie – von China importiert – hat sich eingenistet, wirft dunkle Schatten und lähmt unsere Betriebsamkeit. „Corona“ heißt sie, benannt nach einer heiligen Frau, die in der Seuchenzeit des Mittelalters verehrt wurde, weil sie einst ihrem Glauben mehr Gewicht geschenkt hat als ihrem Leben. Ist bereits der Name des Virus ein Zeichen für seine gefährliche Art? Groß ist die Schar der Fragenden. Die einen meinen, die Maßnahmen seien ein böses Kalkül zur Schwächung unserer Wirtschaft, andere barmen um die rasche Erstellung eines wirksamen Impfstoffes, weitere vermuten, es handle sich um eine letzte Warnung unseres Gottes vor seinem Reinigungsgericht, vor seinem „Tag des Zorns“.

Sollten wir jedenfalls nicht auch einmal hineinfragen, in die Offenbarungen des Johannes, in denen von ihm unsere Zukunft in symbolischen Bildern als Endzeit dargestellt ist? Dort werden z. B. die Etappen des Reinigungsgerichts in vier Reitern auf vier farbigen Pferden beschrieben. Auf dem vierten dieser Pferde, einem falben, also auf einem bleichen Gaul sitzt ein uns alle bedrängender Reiter: der Tod. (Off 6/7). Schon diese Farbe drückt das also aus. Zu Zeiten des Mittelalters bereits galt sie als die Leichenfarbe, ja, sie wurde damals sogar als die Farbe der Seuchen bezeichnet.

Und dann wird weiter im Text des Johannes geschrieben, in welcher Weise der Tod hier gemeint ist: „Und das Totenreich war sein Gefolge.“ Was das heißt, wird unverzüglich erklärt: Es „wurde Macht gegeben über den vierten Teil der Erde, zu töten mit dem Schwert und mit Hunger und mit Pest …“ Und mit diesen ausführenden Mächten sind die Gewalten der Natur in uns Menschen (als epidemische Krankheiten und als Aggressionen) wie auch als   Naturgewalten draußen (als Erdbeben, Tsunamis und  Vulkane) gemeint. Das bedeutet das große „Komm“ der vier “lebendigen Wesen“, die von Anfang an als Grundelemente von Gottes Schöpfungsordnung – als ausführendes Element des Reinigungsgerichts – beschrieben sind.

Lässt sich dieser geheimnisvolle Passus auf unsere Virus-Situation heute beziehen? Scheint nun bei uns  die Ahnung einer Gefährdung des Lebens als Angst bei einer großen Menge von Menschen anzukommen? Jedenfalls werden aus solchen Gründen unsere Lebensmittelgeschäfte z. Z. leer gekauft, ebenso die Apotheken und Drogerien.

Enthalten diese Fakten nicht auch Hinweise darauf, dass eine höhere Instanz mit im Spiele ist, Warnungen – wie auch ein Großteil der Klimaveränderungen – unseres allmächtigen, aber doch barmherzigen Gottes, wie sie für unsere Zukunft in den Berichten des Johannes in großer Zahl weiterhin beschrieben sind? Ist nicht auch dieses in globalem Ausmaß ratlos machende Virus eines der immer direkter und mächtiger werdenden Zeichen, damit die Menschheit  daraus tiefere Lehren ziehe? Gilt es nicht, über die jetzige Volksquarantäne hinaus einer anderen Lebensform den Vorrang zu geben, als sie in den letzten Jahrzehnten hier vorherrschend war? Werden wir z. Z. nicht geradezu mit der Nase hineingestoßen in ein Suchen nach mehr Dominanz des Miteinanders, in stärkere Einbindungen von Mensch zu Mensch, in mehr Verfestigung intakter, gesunder Familien und ganz besonders auch in eine Beachtung der Kinder in besser zusammenhaltenden Ehen, in mehr Rücksicht auf die Alten und Geschwächten, also in mehr verantwortungsbewussten Gemeinschaftsgeist?

Johannes mit seinen Visionen auf der Insel Patmos hat noch Direkteres in dieser Hinsicht parat, indem er uns einige Zeilen danach eine wahrhaftig für die heutige Zeit erschreckende Anklage übermittelt: „Und die übrigen der Menschen, die durch diese Plagen nicht getötet wurden, taten nicht Buße von den Werken ihrer Hände, dass sie nicht anbeteten die Dämonen und die goldenen und die silbernen und die kupfernen und die steinernen und die hölzernen Götzenbilder, die weder sehen noch hören noch gehen können. Und sie taten nicht Buße von ihren Mordtaten noch von ihren Zaubereien noch von ihrer Hurerei noch von ihren Diebstählen“ (Off 9/20).

Drängt es sich nicht auf, die großen Symbole, die dem Johannes hier in seiner Vision übermittelt werden, auch als Erscheinungen unserer Zeit zu verstehen, mit all dem vielen Aberglauben, der hier um sich gegriffen hat, mit falschen religiösen Vorstellungen, die den Menschen zum Heil, zum Frieden und zum Verstehen des wahren Glaubens nicht kommen lassen? Muss unser Leben in später Stunde nicht wirklich Fastenzeit werden? Muss unsere Oberflächlichkeit, unsere Trägheit und die Neigung zur Überheblichkeit, zu Hochmut, Verrat und Lügengeist nicht endlich bußfertig in unser Bewusstsein gestellt werden?

Quelle: Meves aktuell, Monat April 2020